Leistungs- und Qualitätsentwicklungsbericht Musikschulen, April 2008 – Zusammenfassung
Gemäß Schulgesetz vom 26.01.2004 (§ 124 Abs. 4) veröffentlicht die für Musikschulen zuständige Senatsverwaltung mindestens alle fünf Jahre einen vergleichenden Leistungs- und Qualitätsentwicklungsbericht zur Arbeit der Musikschulen. Die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung legt hiermit den ersten dieser Berichte vor. Die im Bericht beschriebenen Entwicklungen werden im folgenden zusammengefasst dargestellt, wobei jeweils auf einzelne Abschnitte des Berichts verwiesen wird.
Leistungsumfang
Das Unterrichtsvolumen der Berliner Musikschulen nahm nach Rückgängen in den Jahren 2004 und 2005 im Jahr 2006 wieder zu und erreichte den höchsten Stand im Vergleichszeitraum. Allerdings zeigen sich bei bezirklicher Betrachtung erhebliche Unterschiede. Dem höchsten Zuwachs von 37,5 Prozent steht ein höchster Rückgang von 14,9 Prozent gegenüber.
Die Versorgung mit Musikunterricht hat sich im Berichtszeitraum leicht verbessert: der Versorgungsgrad, berechnet in Unterrichtseinheiten je 1.000 Einwohner, liegt bei 316 (2002: 312). Bedeutende Unterschiede im Versorgungsgrad zeigen sich auch hier bei bezirklicher Betrachtung. Der niedrigsten Versorgung mit 133 Unterrichtseinheiten je 1.000 Einwohner steht der höchste Wert von 595 Unterrichtseinheiten (Faktor 4,4) gegenüber. Um eine gleichmäßigere Versorgung der Bevölkerung mit Musikunterricht zu erreichen, müssen zusätzliche Steuerungsmechanismen genutzt werden.
Ressourcen
Die Ausgaben der Musikschulen (Kapitel 3712) sind im Zeitraum von 2002 bis 2006 um 1,3 Prozent zurückgegangen. Es war ein leichter Zuwachs bei den Sachmitteln zu verzeichnen.
Der „Landeszuschuss“ (Differenz zwischen Eigeneinnahmen und Gesamtausgaben der Musik-schulen) betrug 2006 14.764.967 €. Er ging gegenüber 2002 (15.940.459 €) um ca. 7 Prozent zurück. Der Rückgang beruht auf outputneutraler Reduzierung der Personalkosten für angestellte Musikschullehrer/-innen und steigenden Einnahmen aus Unterrichtsentgelten. Der Zuschuss pro Einwohner betrug 2006 4,34 €.
Die Zahl der hauptamtlichen Musikschullehrer/-innen ist um 22 Prozent zurückgegangen. Ein Rückgang in der Unterrichtsleistung konnte durch Umstellung des Unterrichts auf die Erteilung durch freiberufliches Lehrpersonal vermieden werden.Die Berliner Musikschulen stützen sich in ihrer Arbeit stark auf die Gruppe der freiberuflichen Musikschullehrer/innen, die weit überwiegend ihr Einkommen aus dieser Tätigkeit beziehen. Durchschnittlich wurden im Jahr 2006 85 Prozent des Unterrichts an Berliner Musikschulen von dieser Personengruppe erteilt. Beim Verwaltungspersonal wurde eine erhebliche Verdichtung der Arbeitsbelastung festgestellt.
Die Berliner Musikschulen verfügen über einen Bestand von ca. 10.000 Musikinstrumenten als Leih- und Unterrichtsinstrumente für insgesamt 38.605 Schülerinnen und Schüler. Angesichts zurückgehender Mittel für Pflege und Wiederbeschaffung ist für Bestandssicherung und Investitionserfordernisse eine Finanzierung durch zweckgebundene Einnahmen in Erwägung zu ziehen.
Für die erfolgreiche Musikschularbeit ist die Raumausstattung eine wichtige Grundlage. Von den 12 Musikschulen verfügten im Jahr 2006 9 Musikschulen über insgesamt 18 eigene Gebäude. Sie nutzten insgesamt 247 Unterrichtsstätten. Der weit überwiegende Anteil sind Schulen. Die Ausdehnung des Schulbetriebs auf den ganzen Tag führt zur Verknappung von verfügbaren Unterrichtsräumen am Nachmittag. Die Sicherung des Musikschulunterrichts bedarf verbindlicher vertraglicher Vereinbarungen unter Einbeziehung des Schulträgers.
Angebotsprofil/Vernetzte Bildungsarbeit
Die Ausbildung von Musikschülern und -schülerinnen an einem Musikinstrument bildet den Hauptarbeitsbereich der Musikschulen. 78 Prozent der Belegungen erfolgen mit dem Ziel, das Musizieren auf einem Instrument zu erlernen. Daneben sind die musikalische Grundbil-dung/Früherziehung, die studienvorbereitende Ausbildung, das gemeinsame Musizieren in Ensembles und die Begabtenförderung wichtige Arbeitsschwerpunkte.
Seit der Umstellung der Grundschulen auf Ganztagsschulen haben die Musikschulen ein neues und innovatives Arbeitsfeld für die vernetzte Bildungsarbeit erschlossen. Die vernetzte Arbeit mit Ganztagsschulen stellt ein wichtiges Zukunftsfeld dar. Das Angebot der Musikschulen erfolgt zusätzlich zur pädagogischen Betreuung durch Erzieher/-innen und ist entgeltpflichtig. Die Finanzierung erfolgt durch Elternbeiträge. Eine Evaluation der Fachverwaltung ergab, dass Kinder mit schwierigem sozialen und bildungsfernem Familienhintergrund wegen der Entgeltpflichtigkeit des Angebots schlechter erreicht werden konnten. Schulen tragen bisher sowohl organisatorisch wie finanziell zu wenig zum Gelingen der Kooperation bei.
Qualitätsentwicklung
Die Musikschulen kommen der Verpflichtung zur Qualitätssicherung gemäß Schulgesetz durch Anwendung des „Qualitätssystems Musikschulen“ (QsM) nach. QsM basiert auf dem internatio-nal anerkannten Qualitätsmodell der European Foundation for Quality Management (EFQM). Das ist ein prozessorientiertes System mit dem Musikschulen ihr Handeln zuverlässig beschreiben, qualitativ einschätzen und kontinuierlich verbessern können. Im Juni 2005 be-schlossen die Bezirke die gemeinsame Einführung dieses Qualitätsmanagementverfahrens. Die Implementierung wurde im Jahr 2007 erfolgreich abgeschlossen. Das Testat befähigt zu einer qualifizierten Selbstevaluation.
Überregionaler Vergleich
Der Vergleich mit den Musikschulen der vierzehn größten deutschen Städte erweist die Berliner Musikschulen als Einrichtungen mit erheblicher Leistungsfähigkeit. In der Unterrichtsleistung, im Versorgungsgrad der Bevölkerung und in der Breitenwirkung liegen sie deutlich an der Spitze. Der Ausgabendeckungsgrad liegt erheblich über dem Durchschnitt trotz vergleichsweise niedriger Entgelte.
Der öffentliche Zuschuss je Jahreswochenstunde (1 Unterrichtsstunde pro Woche an 39 Wo-chen im Jahr) lag in Berlin in 2006 um 61,8 Prozent unter dem Durchschnitt der Musikschulen der anderen Großstädte. Jedoch ist nicht nur der öffentliche Zuschuss niedriger, auch die Entgeltsätze liegen deutlich (um 15,9 Prozent) unter dem Durchschnitt.
Der Vergleich bezüglich des pädagogischen Personals konnte lediglich für die Ausstattung mit Funktionsstellen erfolgen. Dieser Vergleich ergab eine um 12,9 Prozent geringere Personalausstattung im Leitungsbereich.
Der Vergleich der Stellenausstattung im Verwaltungsbereich zeigt, dass die Berliner Musik-schulen in diesem Bereich ebenfalls geringer ausgestattet sind. Mit Bezug auf Schülerbelegungen, die in diesem Zusammenhang entscheidende Kennziffer, errechnet sich ein um 13,7 Prozent höherer Verwaltungsaufwand für die Verwaltungsmitarbeiter/-innen der Berliner Musikschulen.
Gleichzeitig folgt aus dem weit über dem Durchschnitt liegenden Anteil von freiberuflichem Personal (85 % zu 28 %) ein zusätzlicher Steuerungsaufwand.
Entwicklungsperspektiven und Handlungsbedarf
Für eine auch künftig erfolgreiche Bildungsarbeit der Musikschulen sollten bestehende Strukturschwächen vor allem bei der Zusammenarbeit der Einrichtungen, beim Finanzierungssystem und in der politischen Steuerung behoben werden:
- Die Musikschulen sollten ihre Zusammenarbeit verstärken und Strukturen dafür ausbauen oder schaffen. Angesichts knapper Personalressourcen ist vor allem mehr arbeitsteilige Zusammenarbeit bei Querschnittsaufgaben erforderlich.
- Das Leistungsniveau der Musikschulen ist durch das gegenwärtig praktizierte Finanzmittelzuweisungssystem gefährdet. Die Entwicklung von verbindlichen Kennziffern für die zu erbringende Unterrichtsleistung und die Personalausstattung der Musikschulen ist erforderlich, um ihre Arbeitsfähigkeit auf verbindlicher quantitativer Grundlage zu sichern. Dazu ist ein die Bezirke bindender politischer Beschluss erforderlich, der eine stufenweise Anpassung vorsieht.
- Musikschulen sind Bildungsbetriebe, die stärkere wirtschaftliche Handlungsfähigkeit benötigen. Die Übertragung von Ressourcen- und Ergebnisverantwortung vorausgesetzt, kann durch die Budgetierung der Einnahmen und der Ausgaben eine stärkere wirtschaftliche Selbstständigkeit realisiert werden.
- Die Bezirke sollten Mechanismen zur gemeinsamen politischen Steuerung der Musikschulen als Gruppe entwickeln. Die Steuerung sollte anhand vorgegebener bildungspolitischer Ziele etwa nach der Art kommunaler Zweckverbände erfolgen. Die rechtliche Grundlage dafür bietet das Schulgesetz und das Allgemeine Zuständigkeitsgesetz.
- Die Entwicklung neuer Aufgabenfelder der Musikschulen erfordert zusätzliche Ressourcen. In dem bildungspolitisch wichtigen Aufgabenfeld der Kooperation mit Ganztagsschulen können die Ausgaben nicht allein aus Elternentgelten gedeckt werden. Musikschulen können sie im Rahmen ihres Bildungsauftrags nicht bereitstellen. Es bedarf zusätzlicher Landesmittel, um die vernetzte Arbeit zu entwickeln und auszubauen. Auch eine personelle Verstärkung für diese Aufgaben muss grundsätzlich möglich sein.
Von Bach bis Krach – Dur und Moll in der Musikförderung
Berlins Musikschulen sind im Bundesvergleich Spitze – in Qualität, Vielfalt und Wirtschaftlichkeit. Letzteres geht vor allem zu Lasten der Pädagogen. Die Zahl fest angestellter Lehrer an Musikschulen in der Stadt ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, immer mehr Aufgaben werden von Honorarkräften übernommen – zu deutlich schlechteren Bedingungen…
Inforadio des rbb, Echtzeit am 24.03.2009
Ensemble bzw. interessierte Schüler gesucht – No. 2
1 Schüler im Alter von 17 Jahren, 2. Uj E-Gitarre (Hybrid Picking), auch Klavier + Gesang, covert mit Vorliebe „Muse“ (Stil: Alternative Pop/ Rock, Neo-Prog, Britpop), fit in Noten- und Harmonielehre, wäre einem Ensemble zu empfehlen, oder einem 2. Schüler mit ähnlichen Ambitionen. Wer hätte vielleicht einen passenden Schüler oder ein Projekt in Steglitz-Zehlendorf?
Ensemble bzw. interessierte Schüler gesucht – No. 1
1 Schülerin im Alter von 16 Jahren, 2. Uj akustische Gitarre, 1. Uj Gesang, eigene engl. sprachige Songs, Stil: Singer Songwriter, wäre einem Ensemble zu empfehlen, oder einem 2. Schüler mit ähnlichen Ambitionen. Wer hätte für sie so einen Schüler oder ein Projekt in Steglitz-Zehlendorf?
Geschätzt und vernachlässigt – Berliner Musikschulen im Umbruch
Mittwoch, 4.März 2009, 20.00 Uhr
Musikschule Béla Bartók im Eliashof,
Senefelder Straße 6, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg
„Geschätzt und vernachlässigt – Berliner Musikschulen im Umbruch„
eine von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse moderierte Podiumsdiskussion
Es diskutierten mit u.a.:
- Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats,
- Dr. Hansjörg Tuguntke, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung,
- Ina Finger, Leiterin der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg,
- Chris Berghäuser, Leiter der Musikschule Béla Bartók.
angesprochene Themen
- in Berlin z.Z. Warteliste von ca. 6000 Bewerbern um einen Platz an einer der städtischen Musikschulen
- Leo-Borchard-Musikschule Steglitz-Zehlendorf wird als „billigste“ Musikschule in ganz Berlin genannt (aus Sicht der Finanzpolitik)
- sozialer Status und Entlohnung für Musikpädagogen in Berlin unzureichend, zunehmend Abwanderung erfahrener und qualifizierter Lehrkräfte in Altbundesländer (in Österreich bis ca. 1200 € mehr monatlich!), Probleme die Vakanzen neu zu besetzen
- Quantität(!) wird durch extrem hohen Prozentsatz an Honorarkräften erzielt
- dennoch Versorgungsgrad der Berliner Bevölkerung (wird auf 1000 Einwohner hochgerechnet) liegt deutlich unter Bundesdurchschnitt (Ziel: 1-2%)
- ökonomisch und sozial besonders schwieriger Stand für Honorarkräfte
- Honorarkräfte arbeiten z.T. bis 40 (Unterrichts-)Stunden pro Woche, es wird als schwierig dargestellt, selbst mit dem Honorar was man dann verdient, eine Familie zu gründen. Ein solches Pensum ginge entweder auf Kosten der Qualität des Unterrichts oder zu Lasten der persönlichen Ressourcen des Lehrers (z.B. BurnOut)
- zunehmend wird durch Einsparungen in der Verwaltung der Musikschulen versucht Honorarkräfte für organisatorische / administrative Aufgaben (unentgeltlich) heranzuziehen
- Musikschule wird zunehmend in Schule integriert und übernimmt deren ehemalige Aufgaben ohne einen entsprechenden finanziellen Ausgleich. Zunehmend fällt Musikunterricht an Schulen aus, deutlich geringer bezahlte Honorarkräfte der Musikschulen sollen diesen Job durch EMP und Tandemunterricht in der Grundschule übernehmen, keine Absicherung der meist weiblichen Honorarkräfte bei Krankheit oder Schwangerschaft. Wolfgang Thierse kommentiert zum „kostenneutralen“ Ausbau der Berliner Schulen zu Ganztagsschulen (lt. Senator Böger): „Schule soll kostenneutral statt 8 bis 13 Uhr, wie bisher, zukünftig von 8 bis 16 Uhr stattfinden. Das ist ja, als ob ich eine Reise für 2 Wochen in einem 3-Sterne-Hotel buche und während dessen dann den Reiseveranstalter auffordere ‘kostenneutral’ meinen Urlaub auf 3 Wochen in einem 4-Sterne-Hotel zu verlängern“
- Negativspirale der Umverteilung der Gelder der Musikschulen von Stadtbezirk zu Stadtbezirk („Pankow zahlt für Steglitz-Zehlendorf“)
- jede Musikschule wirtschaftet für sich allein
- Verlust an Synergieeffekten, Honorarkräften werden kaum die Stunden für Networking und Organisation von Ensembles bezahlt – was früher für Festangestellte selbstverständlich und auch maßgeblich für die Qualität der Ausbildung an Musikschulen war
- es wird die Frage aufgeworfen, ob die einzelnen Musikschulen mehr erreichen könnten, wenn sie nach außen mit einer Stimme sprechen und sich in politischen, sozialen, fachlichen Belangen untereinander abstimmen würden
- Musikschule ist mehr als nur Instrumental- oder Gesangsunterricht, es gehört dazu Ensemblearbeit, Öffentlichkeitsarbeit – diese muß aber auch bezahlt werden (Honorarkräfte!)
- Leiter der Musikschule Mitte schildert Problem der Steuerung: er kann Honorarkräfte nicht für Fachbereichstreffen oder gesamtschulische Konferenzen bezahlen, kann auch nicht erwarten, daß Honorarkräfte unentgeltlich zu solchen Sitzungen kommen
- ein Großteil der Anwesenden sind sich einig, daß bereits seit Jahren diskutiert wird, aber es muß JETZT eine politische Entscheidung her.
- Wolfgang Thierse fragt mehrfach nach Argumenten, weshalb Politiker an der besehenden Situation etwas ändern sollten (?!) Er betont, daß laute Stimmen mehr gehört werden als leise, Krach würde in der Politik eher wahr genommen als die leisen Töne
- der Raum war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, dennoch äußerten sich andere Besucher erstaunt über die für die Größe der Stadt und die Dimension der Problematik geringe Besucherzahl (ca. 60?)